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literaturhaus wien | www.literaturhaus.at 11.10. 2012



"kunst zum festhalten" oder die Suche nach dem "augenblink" der Ewigkeit


Das Leben ist ein "Augenblink". Ein Leuchten, ein Pling, im Display eine SMS. Dann wieder das Warten. Immer bereit für die nächste Botschaft, lebt der vernetzte Mensch in der ständigen Hoffnung auf jene kurzen Momente digitaler Erleuchtung. Davor und danach die digitale Unendlichkeit.


Auf der Suche nach den durchlässigen Rändern dieser vernetzten Welt blinken Judith Nika Pfeifers Gedichte ihre Kurznachrichten in die auf Null und Eins gepolte Welt. "mediales" steht daher nicht zufällig am Beginn ihres neuen Lyrikbandes "nichts ist wichtiger. ding kleines du". Dem Radio widmet die Autorin den ersten und längsten Verstext. Ihr Retro-Gedicht "funk funk chant chant" ist ein Abgesang auf die analoge Welt; ein melancholischer Rückblick auf jene damals scheinbar noch heile Sandmännchen-Idylle. Die analoge Welt des Rundfunks zu einer Zeit, als es nur drei Sender gab, gehört für ihre Generation SMS längst zu den Kindheits-erinnerungen.


Im Überfluss digitaler Kanäle und omnipräsenter Vernetzung aufgewachsen, wünscht sich die Autorin in ihrem zweiten Gedicht nun genau das "radiogegenteil": die Funkstille. Streng nach dem Motto "Weniger ist mehr" begibt sich Judith Nika Pfeifer mit ihren Kurz- und Ultrakurzgedichten auf die Suche nach einer neuen meditativen Leere jenseits der Worte. Und entdeckt dabei die flüchtige Schönheit der SMS. Aus einem "Fast nichts" an Worten entstehen hier Gedichte zwischen digitalem Mantra und Kinderreim, philosophischem Aphorismus und mystischer Zauberformel.

Bei ihrem poetischen Versuch, das Handy als digitales Orakel nach den ersten und letzten Dingen zu befragen, dringt die Autorin bis an die Ränder der Sprache und die Grenzen der Logik vor. Ihre Short-Message-Poesie klingt zart und leise, manchmal kaum hörbar, wie digitales Elfengeflüster. Oft nur einige kurze Zeilen, flüchtig, fast verschwindend, wie mit zartem Finger auf eine frisch behauchte Scheibe gemalt. Zwischen den Worten blinkt immer wieder kurz die Erkenntnis auf: Es gibt unendlich viele Dinge zwischen Null und Eins, die wir nicht verstehen. Doch Judith Nika Pfeifer sucht in ihren aphoristischen Texten keinen neuen digitalen Transzendentalismus; und sie liefert schon gar keine fertige Taschen-Philosophie im praktischenn Handy- Format. Ihre spielerisch leichten Gedichte sind eine sinnliche, lebensfrohe, manchmal melancholische, oft humorvolle poetische Spurensuche nach einer eigenen post-digitalen poetischen Identität.


In Judith Nika Pfeifers Lyrik steht nicht nur "[mediales]" im Blickpunkt. In "nichts ist wichtiger. ding kleines du" geht es auch um "[div. wir ich]" und um "[fremdsprache]", selbstverständlich auch um "[girls girls grrrls]", um "[orte worte]" und nicht zuletzt um "[liebe]" und "[du]". Wie leichthin und "zwischenbei" trifft die Autorin dabei immer wieder mit einem kleinen Wort-Remix mitten ins Herz des Wesentlichen. Auf der Suche nach dem "augenblink" der Ewigkeit wünscht sie sich eine Welt "auf unauffindbaren wellen". Sie schreibt Gedichte für "fischstäbchen" und "woolen monsters". Sie schwärmt von "füdschi-liebe", vom "herzmaschine remix" und Liebe "von der stange." Sie träumt vom "goldmädchenkillersmile" und einem "kollektivklebstoff für das morgen". Oder sie amüsiert sich über "pinking blinking", das "pupillen-pom-pom" und über "bla" und noch mal "bla".

Judith Nika Pfeifer versucht in ihren Gedichten das verborgene poetische und philosophische Potenzial der digitalen Tipp-Sprech-Sprache freizuspielen. Sie nutzt die neue Präsenz des geschriebenen Wortes im LED-Format und gestaltet ihre typografisch und mit Emoticons visualisierten Gedichte wie plakative digitale Grafittis. Ihre im Zwei-Finger-Beat des Tasten-Rhythmus getakteten Texte besitzen Song-Qualität. Mit kleinsten Lautverschiebungen wie "himmmel" mit drei "M" oder dem "zuber des ugenblicks" macht sie den Tippfehler zum kreativen Motor ihrer Gedichte. Und durch Soundmalerei und Comicsprachelemente wie huestel, psssschhhh, blink, pling oder zzzzzz zzz entwirft sie konkrete Poesie als "ohrenschönheit".


Judith Nika Pfeifer ist mit ihrem ersten Lyrikband "nichts ist wichtiger. ding kleines du" eine neue post-digitale poetische Wertschöpfung gelungen. Ihre meditativen Graffitis besitzen Ewigkeitscharakter. Pfeifers wunderbar leichte, heiter-melancholische Hip-Hop-Poesie ist praktische "kunst zum festhalten" und echte Lyrik zum Anfassen.

Michaela Schmitz, Deutschlandfunk